Zur Geschichte des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin

Prof. Dr. med. Hans-Christian Deter, Berlin

Zusammenfassung:
Die psychosomatische klinische Versorgung und die psychosomatische Forschung in Deutschland sind eng mit der Gründung und interdisziplinären Arbeit des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin verbunden. Ein Konzept, das auf die Krankheitsvorgänge im menschlichen Körper und auf die Interaktion von kranken Menschen mit ihrer Umgebung gerichtet ist, wurde zur Basis der psychosomatischen Forschung und hat sich auch in die praktische Medizin integriert. In diesem Modell der Psychosomatischen Medizin wurden zunehmend differenziertere psychotherapeutische Methoden für die klinische Praxis entwickelt.

Einführung: 
Die Psychosomatische Medizin integrierte im letzten Jahrhundert in Deutschland zwei Traditionen aus der Inneren Medizin und aus der psychiatrisch orientierten Psychotherapie. Sie profitierte von den Herausforderungen einer sich schnell entwickelnden, erfolgreichen Medizin und verfolgte einen bio-psycho-sozialen Zugang, der das medizinische Feld insgesamt zu beeinflussen suchte (1).

Mit der Unterstützung von Internisten und Psychiatern, Psychoanalytikern und Sozialphilosophen (T.v.Uexküll, A. Dührssen, H.E. Richter) konnte die Psychosomatische Medizin in die studentische Lehre der medizinischen Fakultäten in Deutschland integriert und neue Professuren geschaffen werden (1970). In Nachfolge dieser deutschen psychosomatischen Tradition wurde 1974 das interdisziplinäre und integrative „Deutsche Kollegium für psychosomatische Medizin“ gegründet (T.v.Uexküll, P. Hahn, A.E.Meyer, W. Wesiack, R.Adler,) mit klinischen und wissenschaftlichen Aktivitäten im gesamten Bereich der Medizin für Ärzte (Allgemeinärzte, Internisten, Gynäkologen, Dermatologen u. a.), Psychologen und andere Berufsgruppen, die im Bereich der klinischen und wissenschaftlichen Medizin tätig waren.

Aus DKPM-Sicht war damals der „Gegenstand“ der Psychosomatischen Medizin:
a. Die Berücksichtigung psychologischer und sozialer Aspekte bei der Entstehung und dem Verlauf aller körperlichen Erkrankungen. Das schloss auch Verhaltens- und Persönlichkeitsaspekte und ihren Einfluss auf den Krankheitsverlauf mit ein. 

b. Die Berücksichtigung psychologischer und sozialer Aspekte bei der Entstehung und Verlauf aller funktionellen/somatoformen Erkrankungen und anderen psychologischen Störungen mit körperlichen Symptomen. Das schloss Prävalenz, Verhaltens- und Persönlichkeitsaspekte und ihren Einfluss auf den Krankheitsverlauf mit ein.

Für beide Krankheitsgruppierungen sollten positive Effekte einer psychosozialen Behandlung die Bedeutung dieser Aspekte belegen. Die Prävalenz dieser Krankheiten und andere epidemiologische Fragen wurden anfangs von DKPM Mitgliedern und Medizinsoziologen wie Johannes Siegrist und Thomas E. Schmidt bearbeitet.

c. Untersuchung von psychoneuro -physiologischen, -endokrinologischen und -immunologischen Mechanismen bei den o. g. Erkrankungen und bei Gesunden.

Psychophysiologische Aspekte untersuchten im DKPM beispielsweise Jochen Fahrenberg, August Wilhelm v. Eiff, Peter Hahn und Horst Meyer und psycho-neuroimmunologische Fragestellungen wurden von den DKPM Mitgliedern Margit von Kerekjarto und Bernhard Dahme bearbeitet. Diese Bereiche blieben einerseits im Interesse des DKPM, wurden später aber auch in eigenen Fachgesellschaften weiter verfolgt.

d. Im Hinblick auf das Gesundheitssystem beschäftigt sich Psychosomatische Medizin mit dem Verständnis und der Optimierung ärztlichen Handelns in der Arzt-Patient Beziehung, unter Berückichtigung der Bedürfnisse von Patient*innen und Ärzt*innen. In einer bio-psycho-sozialen Perspektive unterzieht sie Struktur und Entwicklung der Gesundheitsversorgung einer kritischen Bewertung.

Hier ergaben sich später Überschneidungen zur Deutschen Balint Gesellschaft (Rita Kielhorn, Ernst Petzold) und mit den Förderschwerpunkten Public Health des Bundesministeriums für Forschung und Technologie, die teilweise auch von DKPM Mitgliedern in Personalunion mitgestaltet, bzw. unterstützt wurden.

Basierend auf diesem Aufgabenfeld wurde deutlich, dass nur eine breite interdisziplinäre Aktivität zielführend sein konnte. Ein einseitiges Vorgehen, das die nur somatischen Erfordernisse in das Zentrum rückte, erschien ebenso wenig angebracht, wie die Fokussierung auf einzelne schwere psychopathologische Krankheitsbilder.

Kurze Geschichte des DKPM :
Seit Frühjahr 1974 (Ulm) fanden bis Herbst 2006 (Magdeburg) 64 Arbeitstagungen des DKPM statt, seither beginnend mit einer gemeinsamen Tagung in Nürnberg, weitere 13 zusammen mit der DGPM.
In diesen Tagungen wurden die wichtigsten Studien zur Psychosomatischen Medizin vorgetragen und in 10-20 Arbeitsgruppen eine intensive thematisch klinische und wissenschaftliche Zusammenarbeit in kleinen Gruppen gepflegt. Wolfram Schüffel, dem langjährigen Sekretär des DKPM ist es zu verdanken, dass die „Gelben Hefte“ (heute: „Newsletter“), die 2 Mal pro Jahr erschienen den Informationsfluss zwischen den Mitgliedern und weitere Kontakte in und außerhalb der Gesellschaft ermöglichten. Es lässt sich eine erste Zeit von etwa 20 Jahren definieren (etwa bis zur Hamburger DKPM Tagung 1992), in der unter dem Vorstand Thure v.Uexküll (1974 - etwa 1982), A.E Meyer (etwa 1982-1990) und Hubert Speidel (1991-96) viele DKPM Mitglieder im damaligen Lehrbuch „Uexküll“ mitarbeiteten und die oben genannten Ziele erfolgreich in gemeinsamer kreativer Arbeit verfolgt wurden. Daneben wurden intensive Kooperationen zu internistischen, gynäkologischen, dermatologischen, ophtalmologischen, zahnärztlichen und anderen Fachgesellschaften gepflegt. H. Speidel wurde Herausgeber der Zeitschrift „Psychotherapie, Psychosomatik und Medizinische Psychologie“, die zum Mitteilungsblatt des DKPM wurde und eine eigene DKPM Mitteilungsrubrik bekam. Nachdem die Mitgliederversammlung 1992 den Psychosomatischen Facharzt unterstützt hatte, kam es später zu einer Abspaltung einer DKPM Gruppierung, die zur Gründung einer Gesellschaft für „Integrierte Medizin“ führte, in der u.a. Thure v. Uexküll, Bernd Hontschick, G. Geigges und Karl Köhle Mitglieder wurden. Sie wollten die Psychosomatische Medizin vor allem bei Allgemein- und Fachärzten stärker fördern. Das DKPM unterstützte die Einführung eines „Facharztes für Psychotherapeutische Medizin“ 1992, die zur Gründung der Deutschen Gesellschaft für Psychotherapeutische Medizin (DGPM) als einer eigenen Gesellschaft für Ärzt*innen mit der neuen Facharztbezeichnung führte. Die DGPM vereinigte sich später mit der schon 1927 gegründeten „Allgemeinen ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie“ (AÄGP) zur „Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie“.
In der Amtszeit des DKPM Vorsitzenden Ulrich T. Egle (1996-2000) wurde eine Satzung (1999) beschlossen, die zum Ziel eine begrenzte Amtszeit im Vorstand (maximal 6 Jahre) und eine höhere Mitgliederpartizipation in den Leitungsgremien hatte. Danach gab es häufigere Vorstandswechsel. Bernhard Strauss (2000-2004) Peter Joraschky (2004-2006), Hans Christian Deter (2006-2011), Manfred Beutel (2011-2012), Stephan Zipfel (2012-2018) und Christoph Herrmann-Lingen (seit 2018) wurden DKPM Vorsitzende mit entsprechend neuen Geschäftsführern (u.a. C. Scheidt, W. Söllner, B.Stein, B. Löwe, M. de Zwaan) und Vorstandsmitgliedern. Das erhöhte die Repräsentanz der Mitgliedschaft im Vorstand erheblich. Interessant war, dass die meisten DKPM Vorsitzenden in den damaligen „Psychosomatik-Hochburgen“ Ulm, Hamburg und Heidelberg sozialisiert worden waren und dass nun Vorstandsmitglieder aus allen größeren psychosomatischen Einrichtungen kamen. Als erste Frau wurde Antje Haag erst in den 80er Jahren in den Vorstand gewählt, dagegen gibt es nun im Vorstand mit 3 / 4 fast Gender-Parität. Die Einbeziehung vieler Mitglieder war auch sinnvoll, da der Vorstand mittlerweile eine Fülle von organisatorischen Aufgaben zu bewältigen hatte wie: Arbeit an diversen Leitlinien, Zusammenarbeit mit AWMF und anderen Fachverbänden, nationale und internationale Kooperationen (ENPM/EAPM, ISBM,APS, ICPM, JSPM), Forschungsförderung, Auslobung von Forschungspreisen, neue Lehrmodelle, Organisation des jährlichen Deutschen Psychosomatik Kongress mit anderen Gesellschaften, Gestaltung der Website, etc..
 
2007 wurden die folgenden Leitideen und Ziele des DKPM definiert und verabschiedet.:
1. Integration psychosozialer Aspekte in alle Bereiche der Medizin

2. Eine optimale Versorgung von Patientinnen und Patienten mit somatischen Störungen unter Berücksichtigung ihrer psychosozialen Belastungen

3. Förderung und Entwicklung von sowohl grundlagen- als auch anwendungsbezogenen Forschungsansätzen in der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie

4. Bestmögliche, evidenzbasierte Behandlung von Patientinnen und Patienten mit psychischen und psychosomatischen Störungen.

5. Entwicklung und Implementierung von psychosomatisch-psychotherapeutischen Behandlungsmethoden in der Medizin

6. Vermittlung psychosomatischer Grundkompetenz und die Förderung von Beziehungsaspekten und Kommunikation in der medizinischen Lehre, Weiter- und Fortbildung unter Anwendung innovativer Lehrkonzepte

7. Interdiziplinarität in Behandlung, Lehre und Forschung (Ärzte, Psychologen, Spezialtherapeuten, Pflege)

8. Erhalt und Ausbau psychosomatischer Forschergruppen und Lehrstühle in Deutschland

9. Wissenschaftliche Kooperation mit Nachbardisziplinen wie Psychologie, Psychiatrie, Medizinische Psychologie und den Geisteswissenschaften

10. Nationale und Internationale wissenschaftliche Kooperation im Bereich der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie

Diese Ziele spiegeln sich auch heute noch in der Satzung des DKPM wider. Hier heißt es: „Zweck der Vereinigung ist die Förderung von Wissenschaft und Forschung sowie der Bildung und des öffentlichen Gesundheitswesens im thematischen Umfeld der psychosomatischen Medizin. Der Satzungszweck wird verfolgt durch die Organisation wissenschaftlicher Tagungen, Fortbildungsveranstaltungen, Arbeitsgruppen und Kommissionen, die Herausgabe wissenschaftlicher Publikationen, die Abfassungen wissenschaftlich begründeter Stellungnahmen zu Fragen der Gesundheits- und Wissenschaftspolitik sowie der Aus- und Weiterbildung in den Gesundheitsberufen, sowie durch Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, Vergabe von Forschungspreisen sowie Pflege des interdisziplinären und internationalen Austauschs von Wissenschaftler*innen verwandter Disziplinen (Ärztinnen und Ärzte, Psychologinnen und Psychologen, Soziologinnen und Soziologen und andere, an der psychosomatischen Forschung, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation beteiligten Berufsgruppen) und ihrer Vereinigungen mit dem Ziel der Integration wissenschaftlicher Ergebnisse und Weiterentwicklung psychosomatischer Curricula und Versorgungmodelle. .

Im Mittelpunkt steht dabei die Aufgabe, die Bedürfnisse von Patienten für eine Krankenversorgung zu erforschen, welche die medizinischen Spezialdisziplinen unter psychosomatischen Gesichtspunkten integriert sowie Formen und Möglichkeiten für die Verwirklichung einer solchen Integration zu entwickeln und zu fördern.

Kooperation ist notwendig
Psychosomatische Medizin zeigt sich heute in Deutschland einmal im Versuch der Integration psychosomatischer Gesichtspunkte in alle medizinische Aktivitäten und zum anderen als Facharztdisziplin (2). Beide psychosomatischen Gesellschaften und ihre Kooperationspartner haben den Anspruch in unterschiedlicher Weise im Bereich der Krankenversorgung, Lehre und Forschung psychosomatische Aspekte in allen Disziplinen zu berücksichtigen (3). Die zu lösende Aufgabe übersteigt oft die Kräfte einer einzelnen Fachgesellschaft und es sollte zu Schwerpunktsetzungen kommen, um das Ziel der Verwirklichung einer Psychosomatischen Medizin langfristig zu erreichen.



Literatur
1. Deter H C. Bio-psycho-soziale oder psychotherapeutische Medizin – zur aktuellen Entwicklung der Psychosomatik in der klinischen Praxis. Wien Med Wochenschr (2018) 168:52–61 DOI 10.1007/s10354-017-0582-2

2. Zipfel S, Herzog W, Kruse J, Henningsen P. Psychosomatic medicine in Germany: more timely than ever. Psychother Psychosom. 2016;85(5):262–9.

3. Deter H C., Kruse J, Zipfel S. History, aims and present structure of
psychosomatic medicine in Germany. BioPsychoSocial Medicine (2018) 12:1